05 Juni2026
Die Mutter
„Und wo sind hier die Bösen? Wir wollen nichts Böses…“
Was schulden wir unseren Eltern? Und was schulden sie uns? Können finanzielle Abhängigkeiten parallel zu Liebe bestehen, ohne diese zu korrumpieren? Ist es möglich, die eigene Würde – die eigene Integrität – zu wahren, in einem System, in dem Freiheit nur erkauft werden kann? Wie sehr lassen wir uns von Geld beherrschen, in Beziehungen, in unserer Menschlichkeit, gar in Mütterlichkeit? Und könnten wir anders wählen in dieser Welt? Und wäre das – wären wir – dann besser? Oder vielleicht sogar gut?
Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Politische Unruhen, gesellschaftlicher Wandel, Werteverfall. Die russische Bevölkerung befindet sich in einer seltsamen Schwebe zwischen tiefersitzender Verunsicherung und Aufbruchsstimmung.
Dagegen warten die Mitglieder der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Schelesnow alle nur auf eines: den endlichen Tod des seit sieben langen Monaten an Syphilis krepierenden Familienoberhauptes Sachar – und auf das Erbe. Doch die beiden Söhne Semjon und Pawel sind untauglich, die Familiengeschäfte weiterzuführen, und haben mit dem Geld andere Pläne. So sorgt ihre Mutter Wassa bereits jetzt vor: Gemeinsam mit ihrem Lakaien Michailo schmiedet sie ein Komplott, um ihre Söhne aus dem Testament streichen zu lassen und so das Familienunternehmen zu erhalten. Wären da nur nicht Prochor, der Bruder des Hausherren, und seine Anteile an der Firma…
Gorkis Stück „Wassa Schelesnowa. Die Mutter.“ gelingt mit den subtilen Mitteln des Familiendramas die radikale Gegenüberstellung von Geld und Familie – ohne eine Seite zu wählen. Und doch konfrontiert es uns in erbarmungsloser Härte mit dem Preis, den wir zahlen; für ein System, das Familien auf Erbengemeinschaften reduziert und an individuelle Freiheit ein Preisschild hängt.


